Interview mit einer Aktivistin

Stern Ausgabe 34 (1)

Foto: Stern; Ausgabe 34 vom 19.08.1982. Bildunterschrift: „Dem Beagle wird durch einen Knebel ein Schlauch in den Schlund geschoben. Manche Tiere ersticken, wenn ihnen das Medikament eingetrichtert wird.“

1. Hallo Svantje, du warst ja schon in den 80er Jahren gegen LPT aktiv. Sag doch erst einmal etwas dazu, wie dein Engagement für Tiere ganz generell anfing.
Es muss, meine ich 1978/1979 gewesen sein, als ich auf einer Messe in Hamburg einen Flyer gegen Tierversuche in die Hand gedrückt bekam, damals noch von Bürger gegen Tierversuche. Nach dem Durchlesen war ich geschockt, entsetzt und fest entschlossen, dagegen etwas zu tun und mich zu engagieren. Also ging ich zum nächsten Treffen der Bürger gegen Tierversuche und blieb.

2. Und wie war das mit LPT? Wie kam es dazu, dass die Proteste gegen LPT anfingen?
Es wurde in Hamburg recherchiert, wo überall Tierversuche gemacht wurden, neben der Uniklinik Eppendorf, Altana (damals noch am Friedrich-Ebert-Damm), Ethicon in Norderstedt u.a. stand LPT ganz oben auf der Liste als Ziel für Aktionen und Proteste. Die Schwerpunkte der Bewegung lagen damals ganz klar in der Abschaffung von Tierversuchen, der Jagd und der Pelzfarmen. Tierversuche wurden hauptsächlich aus ethischen Gründen abgelehnt. Themen wie Vegetarismus, Veganismus waren noch nicht so aktuell.

3. Es kam ja sicher zu unterschiedlichsten Aktionen, kannst du die Bandbreite der Protestformen einmal wiedergeben?
Die Aktionsformen waren vielfältig: Ankettungen, Mahnwachen, Demos, Autokorsos, symbolische Grabsteinlegungen, Flyer- und Plakataktionen im Umfeld der Institute an geeigneten Wänden und in den Briefkästen der Nachbarschaft. Es wurden in breitem Umfang Straßen zu den Privathäusern markiert, die die Richtung zeigten und klare Aussagen hatten, wer dort wohnte. Die Aktionsformen orientierten sich an der Anti-Tierversuchsbewegung in England, die Deutschland weit voraus war und zu der damals ein enger Kontakt bestand. Wie auch in England radikalisierten sich Teile der TierversuchsgegnerInnen, als „legale“ Aktionen keine Wirkung zeigten. In nächtlichen „Streifzügen“ kam manches Auto und Haus von MitarbeiterInnen, Inhabern und Experimentatoren zu Schaden. Auch die Zahl der Tierbefreiungen aus Labors nahm zu.

4. Ist dir irgendeine Aktion besonders im Gedächtnis geblieben?
Das sind zwei. Ganz einschneidend, die Befreiung von über 100 Beagle Hunden bei LPT in Mienenbüttel, über die selbst in der Tagesschau berichtet wurde, mit eindringlichen Warnungen, die Hunde wegen Infektionsgefahr zurück zu geben. Dann eine Spontanaktion tagsüber: aus dem Zoologischen Institut in Hamburg wurden Krallenfrösche befreit, die im Tierversuch enden sollten. Sie erfreuten sich noch Monate später in einem großen Aquarium bester Gesundheit bis sie, mensch glaubt es kaum, ausgerechnet im Tierheim Süderstraße ein neues Zuhause fanden und endgültig bleiben konnten.

5. Was würdest du sagen, war das Ziel der Proteste?
Ganz klar, die Abschaffung von Tierversuchen, die Aufklärung der Bevölkerung über die Grausamkeiten in den Labors und die Unsinnigkeit der Methode Tierversuch an sich. Gleichzeitig wurde uns aber auch mehr und mehr bewusst, dass es nicht nur um das Ende von Tierversuchen und Pelzen ging, sondern um die Einstellung, das Tier als Fleisch, Milch oder Kleidungslieferanten zu sehen.

6. Wie war das damals mit der Unterstützung in der Öffentlichkeit? Gab es da Zuspruch für die Proteste?
Rückblickend ja, ebenso wie auch finanzielle Unterstützung. Es hatte sich ja bundesweit eine ziemlich große Protestbewegung gegen Tierversuche gebildet, die auch wirklich Großdemos auf die Beine gestellt hat. Spontan reihten sich oft Bürger und Bürgerinnen in den Demozug ein. Das Interesse an Infoständen war da, zumal auch viele Promis sich engagierten. Von Vorteil war natürlich auch die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche, die wissenschaftlich argumentieren und neben der doch hauptsächlich ethisch und moralisch geführten Diskussion auf der Straße die ‘Methode Tierversuch’ ad absurdum führen konnte.

Stern Ausgabe 22 (1)

7. Und worin bestanden Schwierigkeiten? Was würdest du rückblickend anders machen?
Es ist immer schwierig, das Gros der Menschen aufzurütteln und von etwas zu überzeugen, wenn es um ihr eigenes Wohl geht. Menschen haben Angst vor Krankheit und Tod, wollen nicht die Verantwortung für das tragen, was sie ihrem Körper und ihrer Seele antun. Sie hoffen auf Heilung, Besserung oder die nächste Pille um ihrem Schicksal zu entkommen, jede Methode ist dann die richtige. Dass Tierversuche nur die Pharmaunternehmen schützen und nebenbei noch ein sehr einträgliches Geschäft, allerdings ein dreckiges, sind, will dann niemand sehen.
Schwierig auf anderer Ebene wurde es natürlich durch die Bespitzelung und Überwachung bestimmter Personen. Einige wurden auf Schritt und Tritt verfolgt, es standen „unauffällige“ Wagen vor den Wohnungen und vermutlich wurden auch Telefone abgehört. Die AktivistInnen wurden vorsichtiger. Aber anders machen würde ich nichts.

8. Worin unterscheiden sich die Proteste damals und heute?
Es gab mehr Zusammenhalt, es wurde nicht so wie heute selektiert und die AktivistInnen waren meiner Meinung nach einfach risikobereiter. Es wurde nicht alles bis zur Selbstblockade durch diskutiert, es wurde „gemacht“, wie ja auch die Vielzahl der Aktionen in den Jahren besonders in Hamburg zeigt. Die Aktionen richteten sich ja irgendwann auch nicht mehr nur gegen Tierversuche, es gab eine Weiterentwicklung hin zu Tierrechten und deren Befreiung. Zu dieser Weiterentwicklung gehört natürlich vegan zu leben und jede Form der Tierausbeutung abzulehnen. Mit fällt da gerade einer der ersten Aufkleber ein, die deutlich machen, in welche Richtung wir gingen: „Faust und Pfote – für die Befreiung von Mensch und Tier“. Alles andere ist Heuchelei. Niemand kann ernsthaft gegen die Ausbeutung von Tieren im Tierversuch sein und sich mit dem Wurstbrot in der Hand, ein Glas Milch trinkend darüber aufregen.

9. Wenn du die aktuellen Proteste anschaust, was geht dir dann durch den Kopf?
Ob ich trotz der erfreulicherweise immer größer werdenden Tierechts- und befreiungsbewegung eine wirkliche Besserung für die Tiere erleben werde. Ich würde mir wünschen, dass die Selbstzerfleischung und das Selektierertum innerhalb der Bewegung aufhört. Es ist klar, dass unbelehrbare FleischesserInnen und MilchtrinkerInnen, Sekten und RassistInnen in der heutigen Bewegung keinen Platz haben sollten. Es geht nicht um „Hauptsache für die Tiere“, es geht um die Abschaffung jeglicher Ausbeutung von nichtmenschlichen und menschlichen Lebewesen.

10. Möchtest du den vielen Menschen, die erst seit kurzem auf Grund der Kampagne gegen LPT aktiv geworden sind, etwas mitteilen?
Ich möchte ihnen danken und sie bitten, nicht wieder aufzuhören. Irgendwann passierte nichts mehr bei Leuschner und er konnte ungestört in aller Ruhe weiter machen. Das darf nicht noch Mal passieren.

11. Und gibt es noch etwas, das du denen mit auf den Weg geben willst, die die Kampagne initiiert haben?
Tolle Arbeit, super Kampagne, dranbleiben und weitermachen. Wenn ich richtig beobachte, ist Leuschner nervös und reagiert. Das hat er früher nie getan, zumindest nicht öffentlich und das ist ein gutes Zeichen für die Kampagne.

Svantje, wir danken dir von ganzem Herzen für dieses Interview und dass du weiterhin für die Befreiung der Tiere kämpfst!

Ich danke euch.

Stern Ausgabe 34 (2)

Foto: Stern; Ausgabe 34 vom 19.08.1982. Bildunterschrift: „Ein Dutzend vermummter Frauen und Männer befreite 52 Beagles aus dem Institut in Mienenbüttel. (…)“