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Veröffentlicht am 24. Februar 2020

Über die Geschichte der Proteste gegen LPT

In unserem Redebeitrag auf der Großdemo in Kiel gegen das LPT Labor Gut Löhndorf vergangenen Samstag haben wir uns noch einmal an die lange Geschichte der Proteste gegen LPT zurückerinnert. Umso bedeutungsvoller erscheinen die Ereignisse der letzten Monate vor diesem Hintergrund. Hier könnt ihr die Rede noch einmal nachlesen:


Die Ereignisse der letzten Monate machen sehr viel Mut: Wir haben die größten Demonstrationen erlebt, die es in Deutschland jemals zum Thema Tierversuche oder Tierausbeutung gegeben hat. Tausende von Menschen sind aktiv geworden und stehen unermüdlich vor den Toren der Labore. Fernsehberichte und Zeitungen sind gefüllt mit Nachrichten zu LPT, das Thema Tierversuche ist in der gesellschaftliche Debatte neu aufgerollt worden und hat einiges an Glaubwürdigkeit verloren und vor allem: nicht nur das sogenannte ‚Todes-Labor‘ in Mienenbüttel musste schließen, sondern auch der Hauptzentrale in Neugraben wurde vor einer Woche die Betriebserlaubnis mit sofortiger Wirkung entzogen. Nun bleibt dem Unternehmen mit seinem letzten Labor in Schleswig-Holstein lediglich ein sehr wackeliges Standbein. Würde es sich einfach nur um irgendein Versuchslabor handeln, die rasanten Entwicklungen der letzten Monate wären schon unglaublich genug. Aber das LPT ist nicht nur irgendein Versuchslabor. Es steht für 40 Jahre pluralistischer Aktionsformen, an denen eine Bewegung herangewachsen ist. Und angesichts seiner Geschichte sind unsere heutigen Erfolge umso wichtiger und bedeutungsvoller, denn sie zeigen, was mit Vehemenz und Entschlossenheit erreicht werden kann.

Die Geschichte der Proteste gegen LPT beginnt mit der Geburt der emanzipatorischen Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung in Deutschland Ende der 70er Jahre. Damals lag der inhaltliche Fokus neben dem Pelzhandel und der Jagd ganz klar auf Tierversuchen, und LPT war eines ihrer größten Ziele. Es gab Anfang der 80er Jahre eine große Bandbreite an Aktionen gegen LPT: Von Mahnwachen und Demonstrationen so wie Flyer- und Plakataktionen bis hin zu symbolischen Grabsteinlegungen, Ankett-Aktionen, Autokorsos und Tierbefreiungen. Am 08. Oktober 1981 wurden 48 Beagle aus dem Labor in Mienenbüttel befreit: das war die erste bekannte Tierbefreiungsaktion in Deutschland, die LPT einen damals ermittelten Schaden von 25.000 DM zufügte. Ein Jahr später wurden abermals 55 Beagle aus Mienenbüttel befreit, selbst die Tagesschau berichtete darüber. Nachdem es zu großer staatlicher Repression gegen die AktivistInnen kam, gingen die Proteste zurück. Lpt konnte trotz der Proteste seinen Geschäften unbeirrt nachgehen. Über zehn Jahre später, Ende der 90er Jahre, entfachten die Proteste erneut und 100 Menschen kamen im April 1998 in Hamburg zu einer Demonstration gegen das LPT zusammen. Im gleichen Jahr gab es auch noch radikalere Aktionen: Die Außenkäfige auf Gut Löhndorf wurden zerstört und am Labor Mienenbüttel es gab Farbanschläge und Sachbeschädigungen. Die Menschen waren auch damals schon wütend und wollten LPT endlich geschlossen sehen. Doch nichts geschah, die Politik schloss weiter die Augen und LPT konnte weiter Tiere für ihre Versuche benutzen und töten. Und wieder ebbten die Proteste ab, das Ziel schien einfach unerreichbar und das Unternehmen LPT unangreifbar.

Viele Jahre vergingen und LPT geriet fast in Vergessenheit. 2009 gründeten Anwohnerinnen in Mienenbüttel eine Bürgerinitiative um gegen das Labor vorzugehen.
In den breiten Fokus der Öffentlichkeit rückte das Unternehmen zusätzlich, als wir mit verschiedenen Hamburger TierrechtsaktivistInnen im Oktober 2013 die Kampagne ‚LPT-Schließen‘ gründeten. Ein Aktionswochenende mit Demos und Info-Veranstaltung war Auftakt der neuen Kampagne, und 350 Menschen kamen zu den Demonstrationen in Neugraben und Mienenbüttel. In unserer ersten Pressemitteilung im Mai 2013 schrieben wir über unsere neu gestartete Kampagne: „Wenn wir der systematischen Gewalt gegen Tiere in den Versuchsanstalten von LPT ein Ende setzen wollen, bedarf es ausdauernder Proteste.“ Und die gab es auch. Ab dem Juni 2013 gab es über die nächsten Jahre in jedem Monat vielfältige Aktionen gegen LPT: Wöchentliche Demonstrationen an den verschiedenen LPT-Standorten, mehrtägige Mahnwachen, Email- und Telefonaktionstage, Laternenumzüge im Winter und Fahrraddemonstrationen im Sommer. Insgesamt etwa 400 verschiedene Aktionen. All das haben wir nur geschafft, weil so viele andere Hamburger Gruppen und Einzelpersonen sich unseren Protesten anschlossen und eigenständig mit viel Energie gegen LPT aktiv wurden. Einige neue AnwohnerInnen in Neugraben erfuhren damals erstmals von dem Tierversuchslabor in ihrer Nachbarschaft und LPT sah sich schon bald gezwungen, sich mit einem neuen Zaun, viel Natodraht und Sichtschutz gegen die Außenwelt abzuschotten.
Zur größten Demonstration der Kampagne kamen im Oktober 2014 700 Menschen zusammen und stürmten in Neugraben den Hauptsitz. Eine Hundertschaft der Polizei musste anrücken um das Gelände zu sichern. Wieder waren die Menschen wütend, wieder haben wir geglaubt dem Ziel ein Stück näher zu kommen. Es gab kleine Teilerfolge, als verschiedene Zulieferer aufgrund der Proteste ihre Geschäftsbeziehungen mit LPT beendeten. Im Mai 2016 blockierten dann vier AktivistInnen erfolgreich die beiden Zufahrten des LPT-Hauptsitzes in Neugraben und verhinderten drei Stunden lang, dass MitarbeiterInnen das Gelände betreten und zur Arbeit gehen konnten. 2017 erschien die Broschüre „Hinter verschlossenen Türen“, die nach langer Recherchearbeit der Kampagne erstmals Einblicke in die Tierversuche bei LPT gab, viele einzelne Versuche an Hunden, Katzen, Affen und Kleintieren beschrieb und zeigte, dass mit 54 Prozent tatsächlich der Großteil der Hamburger Tierversuche bei LPT geschehen. Trotz der immensen Arbeit die wir als Kampagne in die Aufklärungsarbeit und Proteste gegen LPT gesteckt haben, ging das Unternehmen Jahr für Jahr weiter seinem mörderischen Betrieb nach und wir fühlten uns an den Grenzen unserer Möglichkeiten.
Als dann im vergangenen Jahr die SOKO Tierschutz mit ihrer viermonatigen Undercoverrecherche an die Öffentlichkeit ging wurde endlich das unmögliche möglich. Und heute scheint LPT alles andere als unangreifbar. Über diesen Teil der Geschichte werde ich nur noch wenige Worte zu verlieren, denn der Sturm den die Arbeit von SOKO Tierschutz ausgelöst hat, ist den allermeisten von uns sehr präsent. Viele von uns stehen heute nur deswegen hier, weil die SOKO so viele neue Menschen erreichen und mobilisieren konnte. Sie haben bewiesen, dass Bilder manchmal mehr sagen als Worte und es im Fall LPT handfester Beweise bedurfte, um auch auf politischer Ebene endlich etwas zu bewegen. Das ARD Magazin FAKT berichtet wiederholt über katastrophale Missstände, Manipulationen und Fälschungen von LPT und auch international werden sie als ‚Horrorlabor‘ bezeichnet. Und LPT stellt als Ort unermesslicher Gewalt an Tieren nicht nur die geltenden Tierschutzrichtlinien in Frage, sondern nun auch ein gesamtes System an Sicherheitsprüfungen, auf die sich bei Zulassungen von Medikamenten oder Pestiziden immer verlassen wurde. Und jetzt – endlich – sieht sich auch die Politik so langsam in der Pflicht etwas zu tun.

Wir leben in aufregenden Zeiten, dass wir heutzutage nicht mit ein paar hundert, sondern – wie im November letzten Jahres – mit 15.000 Menschen gegen Tierversuche auf die Straße gehen. Damit schreiben wir Geschichte. Eine Geschichte, die in den 80er Jahren als neue soziale Bewegung begann, und in ihrem Kampf für die Befreiung der Tiere noch lange nicht zuende ist. Aber das unmögliche ist bereits möglich geworden: zwei von drei Laboren sind jetzt endlich geschlossen, LPT hat den Großteil seiner Geschäftspartner verloren, ihnen ist die Betriebserlaubnis entzogen worden und wir sind fest entschlossen und auf dem besten Weg dahin, dass es für die Proteste gegen LPT schon sehr bald ein Happy End geben wird. Die heutige Demonstration reiht sich ein in eine lange Tradition und ist ein weiterer kleiner Schlag gegen das Unternehmen, das wir gemeinsam Stück für Stück zu Fall bringen werden. Und dann heißt es: Weiter machen!
Denn Tierversuche sind nur ein Teil der gesellschaftlichen Ausbeutung der Tiere. Sie sterben nicht nur für die Forschung, sondern auch für unsere Unterhaltung, unsere Bekleidung, unsere Ernährung. Und wir leben in Zeiten, in denen Wandel nicht nur möglich sondern auch notwendig wird. Wir alle sind ein Teil davon und kämpfen hier zusammen dafür, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Für ein Ende aller Tierversuche und ein Ende aller Gewalt an Tieren!



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